Vorgärten in Ost und West
Wenn gemäß des Sprichworts des Menschen Willen sein Himmelreich ist, dann ist des Deutschen Garten garantiert sein Paradies. Und der Vorgarten wohl ebenfalls. Gerade im 20. Jahrhundert haben die Vorgärten eine derartige Beachtung erfahren, wie sie sich jede Wohnung wohl gewünscht hätte.
Westdeutsche Vorgärten im 20. Jahrhundert – eine Ausgeburt der Penibilität
Westdeutsche Vorgärten verkörperten im 20. Jahrhundert die deutschen Tugenden in Perfektion. Es wurde Rasen in grünstem Grün gesät und wie mit dem Lineal abgemessen immer auf die gleiche Größe gestutzt. Kein Grashalm durfte aus der Reihe tanzen und jedem Gänseblümchen wurde kurzerhand der Garaus gemacht.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts gab es dann aber eine gewisse Trendwende in den westdeutschen Vorgärten. Wer nun jedoch glaubt, es durfte etwas bunter, farbenfroher und natürlicher werden, der irrt sich gewaltig. Denn kein Gras dieser Welt und keine noch so perfekt getrimmte Blume kann eine derartige Perfektion verkörpern wie akkurat drapierte Steine. Und somit wurde der Steingarten zum Symbol für westdeutsche Vorgärten im 20. Jahrhundert. Bevorzugt weiße Kieselsteine verdrängten jeden Anflug von Naturbelassenheit und waren zwar anfangs die Vorgartenwahl der gehobenen Gesellschaft, schließlich jedoch ein gängiges Bild in der westdeutschen Vorstadt- und Vorgartenidylle.
Auch wenn sich die bevorzugte Optik hinsichtlich Gras oder Stein im Laufe des 20. Jahrhunderts änderte, so begleitete jedoch ein Geselle äußerst standfest die Vorgartenentwicklung in dieser Zeit: der Gartenzwerg. Man liebt ihn oder man hasst ihn und bereits so mancher nachbarschaftliche Mordanschlag auf einen Vorgartenzwerg hat im 20. Jahrhundert die westdeutschen Gerichte in Schach gehalten.
Ostdeutsche Vorgärten gehen im Kleingärtnerkult unter
Spätestens seit dem Jahr 1999, der Sendung „TV total“ und dem daraus resultierenden Songhit von Stefan Raab glaubt wohl jeder Westdeutsche zu wissen, was die ostdeutschen Vorgärten ausmacht: ein Maschendrahtzaun und ein Knallerbsenstrauch!
Die Realität sah jedoch etwas anders aus. Die typische Bauweise in Zeiten der DDR bevorzugte den Bau in die Höhe und die Schaffung von Wohnraum für alle Bürger. Das Ergebnis waren die heute als Plattenbausiedlungen bekannten Wohngebiete. Dort gab es natürlich Vorgärten, wobei die westdeutsche Penibilität hier nicht dominierte. Stattdessen mussten Rasenflächen zwar gepflegt werden, standen aber trotzdem zum Fußballspielen bereit und sogar ein Spielplatz fand hier schon mal seine Heimat. Insgesamt war der Vorgarten in Ostdeutschland nicht dem westdeutschen Genauigkeitswahn unterlegen. Das Kleingärtnern war ostdeutsche Domäne.